Silbersee II Haltern am See / Sythen Vogelsberg Karnickelhausen
Immer einen Schritt voraus

Steckrübenwinter

-22 Grad Celsius,

 

Zur Geschichte des Kriegsgefangenenlagers von 1914 bis 1921.

Viele wissen noch nicht mal, warum der 1. Weltkriege ausgebrochen war!
Vorgeschichte: Die sich wegen des Attentats auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo (28.06.1914) in Europa zuspitzende diplomatische Krise sorgte in der zweiten Julihälfte 1914 in Deutschland zwar für heftige Diskussionen, von einer unmittelbaren Kriegsgefahr war aber nicht die Rede. Das änderte sich in den letzten Julitagen, als vieles auf eine allgemeine Mobilmachung hindeutete. Die SPD veranstaltete zum Beispiel am Tag der österreichischen Kriegserklärung an Serbien (28.07.1914) in größeren Städten wie Bielefeld Friedensdemonstrationen mit Tausenden von Teilnehmern. Am 30.07.1914 verkündete die russische Regierung die Mobilmachung, weshalb die einen Tag später vom Deutschen Reich angeordnete Gesamt-Mobilmachung als Verteidigungsmaßnahme ausgegeben werden konnte. Viele Menschen stockten ihre Lebensmittelvorräte auf oder versuchten ihre Ersparnisse von der Bank zu holen, wie in Bielefeld und Bochum. Die eigentliche Mobilmachung begann am 2. August u.a. damit, dass wehrpflichtige Männer zu ihren militärischen Einheiten gerufen wurden. Durch Westfalen rollten die ersten Truppentransporte Richtung Westfront, während am 3. August im Münsterland die Aushebung von Pferden für das Heer einsetzte. In Preußen meldeten sich in den ersten zehn Mobilmachungstagen ca. 200.000 Kriegsfreiwillige. Es handelte sich in der Regel um Gymnasiasten und Studenten, Arbeiter waren unterdurchschnittlich vertreten. Die Motive waren im Einzelfall verschieden, doch spielte sozialer Gruppendruck eine beträchtliche Rolle. In Hagen hatten sich bis zum fünften Mobilmachungstag 3.500 Kriegsfreiwillige gemeldet. Der Abzug der Truppen ins Feld wurde überall zu einem Aufsehen erregenden Ereignis. Frauen, Kinder und andere Zivilisten säumten die Straßen und teilten eine allgemeine Erregung, mitunter ein euphorisches Gefühl. Echte Kriegsbegeisterung scheint wohl nur in den größeren Städten und hier auch nur in bildungsbürgerlichen Kreisen aufgekommen zu sein. So entstanden spontan freiwillige Hilfsausschüsse zur Stärkung der Moral an der "Heimatfront" - auch sie waren von Teilen des Bürgertums initiiert worden. Im Ruhrgebiet dagegen wurden die wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten recht bald deutlich. Durch die Umstellung der Betriebe auf die Kriegsproduktion wurde ein Teil der Arbeitskräfte in die Arbeitslosigkeit entlassen, während auf der anderen Seite Arbeitskräftemangel herrschte, weil die Arbeitsplätze der Eingezogenen nicht umgehend wieder besetzt werden konnten. Im Ruhrbergbau wurden bei Kriegsbeginn schätzungsweise 100.000 Mann eingezogen, in den Dortmunder Stahlwerken die Hälfte der Belegschaft.

Das Kriegsgefangenenlager: Wenn an heißen Sommertagen über Tausende von Menschen aus der näheren und weiteren Umgebung zu den Silberseen im Haltern Ortteil Sythen –Karnickelhausen fahren, wissen die meisten wahrscheinlich nicht, was hier einmal wahr. Da, wo jetzt der Saugbagger auf dem Silbersee II täglich tonnenweise Quarzsand in die Rohrleitung pumpt, stand einmal ein Gefangenenlager. Das Kriegsgefangenenlanger / Dülmener Lager sah aus wie ein kleines Dorf aus einem Italo- Western. Es hatte nur mehr "Einwohner", nämlich zur Spitzenzeiten 9.973 Gefangene, die dort untergebracht waren. Ebenfalls ist dort auch keiner am „Bleivergiftung“ gestorben.
Kriegsgefangenschaft wurde im ersten Weltkrieg zu einem Massenphänomen, Millionen von Soldaten wurden mit dieser Extremsituation konfrontiert. Für ca. 2,5 Millionen ausländische Kriegsgefangene in 13 deutschen Lagern begann ein neues Leben, weiter hinter der Front. Ihr Schicksal lag in der Hand des Feindes. Das "Dülmener Lager" gehörte laut Rotem Kreuz in Genf zu einem der besten Kriegsgefangenen-Lager in Europa. Aber gegen den "Steckrübenwinter" hatten sie auch keine Macht.
Steckrübenwinter: Der "Steckrübenwinter" zur Jahreswende 1916/17 mit bis zu -22 Grad Celsius, der auch als "Hungerwinter" bezeichnet wird, kam plötzlich und unerwartet. Von einem auf den anderen Tag sank die Temperatur um 10 Grad so wie es auch aus dem Winter von 1879-80 bekannt war, als damals das Thermometer auf bis zu 36 Grad Celsius unter Null sank. Das eiskalte Wetter zermürbte die physische Widerstandskraft der Bevölkerung. Auch in den Städten war die Bevölkerung von Hunger betroffen. Schleichhandel und Wuchergeschäfte blühten.
Ein verregneter Herbst verursachte eine Kartoffelfäule, die die erwartete Ernte um die Hälfte reduzierte. Da schon seit 1914 die Nahrung rationiert war und die Preise ins Unermessliche stiegen, gaben Städte und Gemeinden Steckrüben aus, daher auch der Name "Steckrübenwinter".

Besonders hart traf es die Gefangenen in den Lagern. Mehrere hundert kranke und verletzte Russen starben auch im "Dülmener Lager". Nach Schätzungen starben dort gesamt über 750 Gefangene. In ganz Deutschland waren es über 750 000 Menschen. Die Toten im "Dülmener Lager" konnten nicht sofort begraben werden, da der Boden bis zu zwei Meter tief gefroren war. Durch die Kälte wurden sie sozusagen "tiefgefroren" und konnten erst nach drei Wochen auf dem Friedhof des Kriegsgefangenenlagers beigesetzt werden.